Am 27.01. fand die jährliche Gedenkfeier zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus statt.
Die beiden Schülerinnen Asya und Mareike begleiteten die Gedenkfeier mit folgender Ansprache:
„Heute gedenken wir den Opfern des Nationalsozialismus und insbesondere derjenigen, die in den verheerenden Jahren des Zweiten Weltkriegs im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ihr Leben verloren. Auschwitz ist nicht nur ein Ortdes Schreckens, sondern auch ein Symbol für die abscheuliche Gewalt und Unmenschlichkeit, die der Nationalsozialismus in der Welt verbreitete. Über eine Million Menschen – überwiegend Jüdinnen und Juden, aber auch Sinti und Roma, politisch Verfolgte, Homosexuelle sowie Gefangene anderer Nationalitäten – wurden hier ermordet, in einem industriellen Prozess des Tötens, der bis heute unvorstellbar bleibt.
Iwan Martynuschkin war vor 80 Jahren ein Teil der sowjetischen Truppen, die Auschwitz befreiten. In einem Interview mit der Tagesschau sagte er: „Als wir dieses KZ betraten, hatten wir schon alle Schrecken des Krieges gesehen. Wir erlaubten uns keine Atempause, wir hatten keine Zeit zu weinen. Wir mussten stets kampfbereit sein. Häufig fragen mich Journalisten danach, wollen von mir hören, ‚ja, ich bin in Ohnmacht gefallen‘, habe ‚es‘ gespürt. Das kann man natürlich nicht sagen. Wir haben es gesehen, uns war klar, in welcher Not die Menschen waren.“ Er selbst konnte die Schrecken, die er damals in Auschwitz sah, nicht verstehen. Erst Jahre später konnte Martynuschkin das begreifen, was er damals gesehen hatte. „Von diesem Moment an, begann ich darüber zu reden.
Ich erinnere mich noch an das erste Mal, wie ich zu meinen Eltern ging und sagte, dass ich bei der Befreiung des Lagers dabei war.“
Wir können die Opfer von Auschwitz nicht zurückbringen. Doch wir können ihr Andenken bewahren und sicherstellen, dass sich solche Gräueltaten nie wiederholen, indem wir ebenfalls darüber reden. Indem wir uns die Geschichten der Überlebenden und die Schrecken der Vergangenheit immer wieder vor Augen führen, können wir die Erinnerung lebendig halten. Und wir können alles in unserer Macht Stehende zu tun, um für eine Welt einzutreten,
in der Hass, Intoleranz und Gewalt keinen Platz haben.
Der Hass, der Auschwitz möglich gemacht hat, ist nicht verschwunden – er zeigt sich auch heute, in antisemitischen Übergriffen, Verschwörungserzählungen und in Worten, die gezielt Hass schüren. Synagogen stehen unter Polizeischutz, und viele Jüdinnen und Juden fühlen sich in Deutschland nicht mehr sicher. Doch es bleibt nicht bei Einzelpersonen. Wenn Politiker wie Björn Höcke von einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ sprechen, zeigt das, wie wichtig es ist, wachsam zu bleiben. Solche Aussagen verharmlosen nicht nur die Verbrechen
der Vergangenheit, sie verschieben auch gefährlich die Grenzen dessen, was in unserer Gesellschaft sagbar ist. Gerade heute, wo Worte wieder zu Taten führen können, ist es entscheidend, dass Grenzen eingehalten und nicht verschoben werden. Vor allem von Politikerinnen und Politikern erwarten wir eine sensible Sprache, die Verantwortung zeigt und kein Klima des Hasses schürt und fördert. Aber auch die Zivilgesellschaft muss dagegenhalten, indem dem wir heute mehr denn je auf eine antidiskriminierende und respektvolle Sprache achten und dadurch unsere tolerante und weltoffene Haltung verdeutlichen. Es liegt an uns
allen, für eine Gesellschaft einzutreten, in der jede Form von Diskriminierung und
Ausgrenzung keinen Platz hat. Nur wenn wir wachsam, aufmerksam und sensibel bleiben, können wir sicherstellen, dass sich solche Gräueltaten niemals wiederholen.
Werte Damen und Herren, kommen wir zu dem Teil, an dem wir nicht nur der Vergangenheit gedenken, sondern auch in unsere Zukunft schauen. Es kann nicht sein, dass ein Alexander Gauland fordert, Deutschland habe das Recht, seine Vergangenheit zurückzuholen, und es kann nicht sein, dass von einem anderen Bundestagsabgeordneten die Aussage bekannt wird, wir hätten genügend Ausländer im Land, dass sich ein Holocaust wieder lohnen würde. Und
nein, auch der Nachbar von nebenan und der Kollege von der Arbeit dürfen sich nicht so einen Satz erlauben.
Wir dürfen nicht ignorant werden. Wir müssen konsequent bleiben und auch den Mund aufmachen. Denn sobald wir schweigen, zeigen wir Zustimmung. Und solche Zustimmung verletzt die Menschenwürde. Ja, Menschenwürde. Ich zitiere aus unserem Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des
Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“ Sie haben es selbst gehört. Menschliche Gemeinschaft, Frieden und Gerechtigkeit. Doch ich frage mich manchmal, wo bleibt hier die Gerechtigkeit? Wo bleibt Akzeptanz und Toleranz? Wir müssen verstehen, dass uns schlussendlich mehr verbindet, als voneinander trennt. Und es macht mich wütend, wenn dieser Grundsatz übersehen wird. Es macht mich deshalb besonders wütend, weil ich aus einer immigrierten Familie stamme. Ich bin eines der vielen zahlreichen Enkelkinder von Gastarbeitern, die sich hier in Deutschland ein besseres Leben versprochen haben. Unsere Großeltern haben das Land mit aufgebaut. Und nach all der Arbeit, stellt man fest, dass man hier nicht willkommen ist? Passt das in die Moral, die wir vertreten wollen? Ist das das, wofür wir stehen wollen? Es kann doch nicht sein, dass wir an einen Punkt angelangt sind, wo wir überhaupt darüber reden müssen, dass Rassismus und Hass in unserem Land nichts verloren haben. Wir dürfen nicht wegsehen oder die Diskussion meiden. Wir müssen darüber reden und den Leuten zeigen, dass Rassismus inakzeptabel ist. Ich sage, wir sollen auf Kulturen
zugehen, sie verstehen und tolerieren, den Leuten erlauben, das zu sein, was sie sind. Ich erinnere an die Worte der Zeitzeugin Margot Friedländer: Es gibt kein christliches, kein jüdisches und kein muslimisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Nie wieder sage ich! Nie wieder ist nicht irgendwann, es ist jetzt! Dieser Satz sollte für alle deutschen Staatsbürger eine Einstellung sein. Wir müssen gerade jetzt zusammenhalten. Lassen wir nicht zu, dass Hass und Hetze wieder Teil unserer Tagesordnung werden.
Vielen Dank.“

